Aktuelle Betrachtungen

Wort an die Gemeinde

Sei gesegnet, Rotkäppchen
Liebe Gemeindeglieder und Interessierte,

in der Schule, die meine Kinder besuchten, war es üblich, dass die 2. Klasse für die neuen Schulanfänger ein Märchen aufführte. Als nun meine Tochter zur Schule kam, war dies ausgerechnet Rotkäppchen. Über die Beweggründe der verantwortlichen Lehrerin kann ich nur spekulieren, mein spontaner Eindruck damals war: das passt buchstäblich wie die Faust aufs Auge, denn es sahen sich ja nicht nur die neuen Schüler das Märchen an, sondern auch ihre Eltern. Und denen dürfte dabei etwas ungemütlich geworden sein: in einer Situation, wo sie sich damit arrangieren müssen, dass ihr Kind nun zunehmend allein und ohne elterliche Begleitung (oder Überwachung) Wege zurücklegen muss, ausgerechnet die Geschichte vorgesetzt zu bekommen, wo das nicht auf Anhieb gut geht: schließlich wird Rotkäppchen auf seinem unbegleiteten Weg durch den Wald vom Wolf auf falsche Gedanken gebracht und schließlich gefressen! Wem von den Eltern vor dem Schulanfang mulmig war, dem ging es danach ganz gewiss nicht besser. (Den Kindern hat das Märchen hingegen gefallen.)
Was aber ist eigentlich die Moral der Geschichte? Kinder doch nicht allein in den Wald zu schicken, weil da eben so viele Gefahren drohen? Oder eben doch nicht vom Wege abzugehen, wenn es die Mutter verboten hat? (Das ist ja schließlich die Lehre, die Rotkäppchen im Märchen zieht.) Das allerdings ist viel zu kurz gegriffen. In der mir bekannten Fassung des Märchens warnt die Mutter Rotkäppchen davor, vom Wege abzuweichen, weil sie sonst hinfalle und das Glas zerbreche. Nichts davon ist allerdings geschehen. Und schließlich: auch die Großmutter wurde gefressen, und die war weder vom Wege abgewichen noch war sie zu jung. Da kann man schon mal ins Grübeln kommen. Mir fiel vor einiger Zeit ein Buch in die Hände, in dem sich ein Autor, der in den 70er Jahren groß geworden war, ironisch reflektierte, welchen Gefahren und Beeinträchtigungen er damals ausgesetzt war: er musste allein zu Schule gehen, spielte unbeaufsichtigt mit Kindern von der Straße im Freien, zog sich beim Sturz vom Klettergerüst eine Platzwunde zu usw. Von heutigen Kindern würden dergleichen Gefahren fern gehalten; und sollten sie beim Fußballspielen mal verlieren, würde gleich ein Termin beim Schulpsychologen vereinbart, um das Trauma zu überwinden. Was der Autor dabei übersehen hatte: es sind bzw. waren gerade seine Altersgenossen, die ihren Kindern eine so andere und viel behütetere Kindheit bescherten, warum auch
immer.
Gut, ein paar Gründe lassen sich nennen: es gibt heute viel weniger Kinder, sie spielen im Leben ihrer Eltern eine viel bedeutendere Rolle als früher, der Straßenverkehr ist dichter geworden und ein Spielen auf der Straße kaum noch möglich, und auch einen Wald oder Park muss man erst einmal erreichen. Und ganz allgemein ist in unserem Leben scheinbar viel weniger Platz für Fehlschläge, Misserfolge, Verluste und Verletzungen. Wir sind bemüht, dem gründlich vorzubeugen, jedes Risiko auszuschließen. Kommt es dann doch zu einem Unglück, ist die Not natürlich groß.
Die Folge sind dann die sog. Helikopter-Eltern, die ihre Kinder gar nicht mehr aus den Augen lassen und den vergessenen Frühstücksbeutel n die Schule nachliefern. Wann und wie ihre Kinder in die Lage kommen sollen, die Risiken und Gefahren des Lebens selbst zu meistern und damit umzugehen, dass nicht immer alles glatt und wunschgemäß verläuft, ist eine spannende Frage.
Aber zurück zu Rotkäppchen: was hätte ihre Mutter denn besser machen können? In dem Film „Ronja Räubertochter“ gibt es dazu eine schöne Szene, wo Ronja erstmals allein in den Wald geht und von ihrem Vater Mattis vor allerlei Gefahren gewarnt wird. Ihre stereotype Gegenfrage lautet immer: und was mache ich, wenn ich z.B. den Rumpelwichten oder den Graugnomen begegne. Wissenschaftlich gesprochen heißt das: Problemlösungskompetenz aufbauen, nicht einfach nur Anweisungen geben; schließlich könnte eine Situation eintreten, die weder die Mutter noch Rotkäppchen vorhersehen konnten.
Ein weiteres, was hilfreich ist: Selbstbewusstsein aufbauen. Es ist bekannt, dass ängstlichen Menschen mehr widerfährt als solchen, die ihrer Sache sicher sind. Dazu gehört auch, auf das Urteilsvermögen des Kindes zu vertrauen.
Gleichwohl bleibt natürlich ein Risiko, der Großmutter hat das alles schließlich auch nichts genützt; und nicht immer kommt am Ende ein Jäger vorbei. Aber darum kommen wir wohl nicht herum.
Nicht zuletzt deshalb ist es in Kirchgemeinden üblich, zum Schul(jahres)beginn zu speziellen Gottesdiensten einzuladen, in denen die Schulanfänger nicht nur ein kleines Geschenk erhalten, sondern vor allem gesegnet werden. Einen Menschen, ein Kind zu segnen – das ist kein Zauber- oder Bannspruch, der von diesem allen erdenklichen Schaden fern hält, sondern es ist die Zusage der Aufmerksamkeit und der Zuwendung Gottes. Es ist ein Zeichen, das ausdrücken soll: du bist nicht allein, du bist nicht irgendwer; du bist ein gesegnetes Kind Gottes. Das soll dir so viel Stärke und Stütze geben wie du brauchst, wenn nun ein neuer Lebensabschnitt für dich beginnt. Es soll dir einen klaren Kopf geben, wenn du in schwierige Situationen kommst, es soll dich einladen zu beten, wenn du mit deinem Latein am Ende bist. Darum möchte man sagen: sei gesegnet, Rotkäppchen! Seid gesegnet, ihr Kinder, die ihr nun auf dem Weg zur Schule seid.

Ihr Pfarrer Dr. Martin Beyer

arrow

Nach oben


Liebe Gemeindeglieder und Interessierte,

in unserer Umgebung gibt es noch weitere Sühnekreuze, Betsäulen oder Bildstöcke.

In Bärenklause bei Kreischa z.B. erinnert ein Steinkreuz an die verzweifelte Tat einer Mutter namens Rosina Heschel, die ihr Kind getötet hatte und dafür enthauptet (Decollata) wurde. Was wir heute als spannende Kriminalgeschichte lesen, war vielleicht eine ausweglose Situation im Leben einer Frau, die nicht wusste, wie sie ihr Kind großziehen kann. Warum passieren Dinge, die wir eigentlich nicht wollen? Was macht es mit uns, wenn wir nicht genug Geld haben? Oder andere uns mobben, ignorieren, über uns reden? Halte inne – lass deine Traurigkeit, deine Scham, deine Verbitterung und Enttäuschung über das, was dir durch andere geschieht, an diesem Ort!

Unweit davon entdecken wir an einer Mauer in Babisnau ein Relief aus dem 13. Jahrhundert.

In Quohren halte ich inne. Wieder eine Betsäule. Wiedererichtet im Jahre 2007.

Wer gern mehr erfahren möchte, findet hier weitere Informationen: www.suehnekreuze.de;

wikipedia – Liste der Bildstöcke und Wegkreuze im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge;
Matthias Schildbach, Die Enthauptete – ein Sächsischer Kriminalfall (2019);
Ulrich Eichler, „Marter und Bildstock-Betsäulen in Sachsen“;

In unserer Mitarbeiterrunde ist die Idee entstanden, Pilger- und Wanderwege zusammen zu stellen mit entsprechenden Wegbeschreibungen und Informationen, aber auch mit Impulsen zur Meditation und zum Weiterdenken. Jana Köbsch und ich würden daraus gern ein Projekt machen in Zusammenarbeit mit den Tourismusbehörden, Heimatvereinen u.a. Wer ist mit dabei? Wir würden das Projekt gern mit anderen auf den Weg bringen. Bitte meldet euch, melden Sie sich bei annette.kalettka@evlks.de oder Jana Köbsch, Tel. 0151-23080459.

Pfarrerin Kalettka

arrow

Nach oben