Aktuelle Betrachtungen

Wort an die Gemeinde

Gedankensplitter im Krieg

Liebe Leserinnen, liebe Leser, liebe Mitglieder unserer Kirchgemeinde Klingenberg-Kreischa,

Kriege sind ihrem Wesen nach zerstörerisch. Sie zerstören nicht nur menschliches Leben, Häuser, Straßen, Brücken, Bäume, Ernten oder Vertrauen. Sie bringen auch Gedankengebäude, Sicherheiten, Gewohnheiten zum Einsturz. Da wir von der Frontlinie ziemlich entfernt leben, sind es bei uns lediglich die letzteren, die in Trümmern liegen. Angesichts des viel größeren Leides der Menschen in der Ukraine (und derer, die von dort geflohen sind), mag es frivol erscheinen, jetzt von diesen Trümmern zu sprechen. Aber wir leben in diesen Trümmern und müssen versuchen, daraus wieder Gebäude entstehen zu lassen. Und wir können damit nicht warten, bis dieser Krieg beendet sein wird.

Warnen muss man hingegen vor denen, die schon jetzt (oder gar immer schon) alles ganz genau wissen oder gewusst haben wollen. Wer gegenwärtig mehr zu bieten hat als Gedankensplitter, die sich noch nicht recht zu einem größeren Ganzen zusammen finden wollen, ist mir jedenfalls verdächtig.

Bei manchen dieser Gedankengebäude scheint hingegen noch nicht einmal klar, ob sie nur erschüttert, beschädigt oder doch gänzlich zerstört sind. Jeder weitere Tag, den dieser Krieg andauert, jede Schreckensnachricht, die uns da erreicht, verändert die Einschätzung.

So möchte ich ein paar meiner Gedankensplitter mit Ihnen teilen.

Unter Beschuss geraten ist definitiv das Gebäude des Pazifismus bzw. seiner Seitenableger. Getragen von der Überzeugung, dass mit (Waffen)gewalt kein Friede geschaffen werden könne, war unter uns ein tiefes Misstrauen gegenüber allem Militärischen verbreitet. Selbst ein Konzert eines Orchesters der Bundeswehr in einer Kirche war manchen unerträglich. Gegenwärtig hat es jedenfalls den Anschein, dass das Gleichgewicht des Schreckens mehr zur Verhinderung eines Krieges beigetragen haben dürfte als die Friedensbewegung. Dass Nazi-Deutschland einst mit sehr gewaltsamen Mitteln (auch gegen die Zivilbevölkerung) in die Knie gezwungen werden musste, spielte vielleicht nur deshalb keine Rolle, weil man sich derartige Vergleiche verbat.

Die Argumente derer, die meinten, ohne Russland könne es keine Sicherheit in Europa geben, klingen noch heute plausibel. Und natürlich macht gegenseitiger Handel einen Krieg weniger wahrscheinlich. Ja, es könnte sich dabei sogar die Erkenntnis durchsetzen, dass sich mit friedlichen Mitteln größere Gewinne erzielen lassen als mit kriegerischen. Und natürlich habe auch ich mir nicht vorstellen können, was Russland durch einen solchen Krieg gewinnen könnte und ihn darum für unwahrscheinlich gehalten. Aber man kann diese Argumente eben in den Wind schlagen und es trotzdem tun. Nicht nur Präsidenten tun mitunter Dinge, die für sie selbst nicht gut sind. Und keineswegs allen fällt es leicht, das zuzugeben.

Wer einen Krieg beginnt, setzt sich ins Unrecht. Das schließt nicht aus, dass er gleichwohl legitime Interessen hat. Und es ist auch nicht gesagt, dass die Gegenseite alles richtig gemacht hat und nur edle Motive hat. Aber das spielt jetzt keine Rolle. Vielleicht wird es in späteren Friedenszeiten wieder eine spielen. Aber auch dann werden andere Fragen vorn stehen (z.B. die, wer für die ganzen Schäden aufkommen wird). Es ist schwer bis unmöglich, gegenwärtig etwas Positives über Russland bzw. die russische Politik zu sagen, genauso schwer wie es ist, ukrainische Politik oder Politiker zu kritisieren. Auch andere Länder, die erst spät eine Eigenstaatlichkeit erreicht haben, tun sich mit ihren Minderheiten schwer und verhalten sich ihnen gegenüber nicht immer fair. Schließlich steht es auch der Berichterstattung nicht schlecht zu Gesicht, wenn sie den Konsumenten ihrer Nachrichten die Meinungsbildung nicht komplett abnimmt. Aber wie sollte ausgewogene Berichterstattung in diesem Falle aussehen, wenn die Lügen der einen Seite offensichtlich sind?

Ich bin mir nicht sicher, ob die ukrainische Armee unsere Freiheit verteidigt. Auf jeden Fall ist das nicht ihr vorrangiges Ziel. Natürlich dürfte es für uns von Vorteil sein, wenn das militärische Potential Russlands durch diesen Krieg geschwächt wird, weil das weitere Angriffe unwahrscheinlicher macht. Ganz sicher verteidigt die Ukraine aber nicht jede Facette des westeuropäischen Lebensstils. An vielen Stellen dürften die Menschen dort Positionen, wie sie gegenwärtig etwa in Polen und Ungarn vertreten werden, deutlich näher stehen. Werden wir sie dann auch noch in der EU willkommen heißen?

In vielen Kirchen haben seit Ausbruch des Krieges Friedensgebete stattgefunden. Und natürlich ist die Bitte um Frieden angesichts des menschlichen Leides, das dieser Krieg hervorruft, dringend und verständlich. Wenn es aber auch zu den Erfahrungen der Friedensarbeit der letzten Jahrzehnte gehört, dass Frieden und Gerechtigkeit zusammen gehen müssen, dann stellt sich die Frage, ob ein augenblickliches Ende des Krieges tatsächlich wünschbar wäre. Bleiben die besetzten Gebiete russische Kriegsbeute? Freiwillig abziehen werden sie ja nicht. Und welche Lehren soll man dann aus dem Ganzen ziehen? Dass sich Krieg und Verbrechen durchaus lohnen können, man müsse nur warten, bis der Gegner die schrecklichen Bilder nicht länger ertragen will?

Nicht zuletzt gibt es irritierende Wortmeldungen kirchlicher Amtsträger. Ein Patriarch in Moskau verdingt sich als Kriegstreiber, ein Papst in Rom – sonst nicht um klare Ansagen verlegen – drückt sich um solche herum. Ein evangelischer Bischof in Magdeburg, bei dem die Schuppen vor den Augen offenbar recht fest sitzen. Was ist jetzt überhaupt ein glaubwürdiges christliches Zeugnis? Dietrich Bonhoeffer meinte angesichts der nationalsozialistischen Verbrechen, Kirche dürfe sich in solchen Situationen nicht darauf beschränken, die Verwundeten zu verbinden, sondern müsse den Tätern in den Arm fallen. Aber wie könnte das praktisch aussehen?

Es liegen nicht nur Häuser in Trümmern, auch Gedankengebäude und Überzeugungen. Mehr als Gedankensplitter scheinen gegenwärtig nicht zu haben zu sein. Politiker müssen trotzdem entscheiden. Sie bedürften des Gebets genauso dringend wie die Menschen in den Kriegsgebieten.

Ihr Pfarrer Dr. Martin Beyer

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Liebe Gemeindeglieder und Interessierte,

in unserer Umgebung gibt es noch weitere Sühnekreuze, Betsäulen oder Bildstöcke.

In Bärenklause bei Kreischa z.B. erinnert ein Steinkreuz an die verzweifelte Tat einer Mutter namens Rosina Heschel, die ihr Kind getötet hatte und dafür enthauptet (Decollata) wurde. Was wir heute als spannende Kriminalgeschichte lesen, war vielleicht eine ausweglose Situation im Leben einer Frau, die nicht wusste, wie sie ihr Kind großziehen kann. Warum passieren Dinge, die wir eigentlich nicht wollen? Was macht es mit uns, wenn wir nicht genug Geld haben? Oder andere uns mobben, ignorieren, über uns reden? Halte inne – lass deine Traurigkeit, deine Scham, deine Verbitterung und Enttäuschung über das, was dir durch andere geschieht, an diesem Ort!

Unweit davon entdecken wir an einer Mauer in Babisnau ein Relief aus dem 13. Jahrhundert.

In Quohren halte ich inne. Wieder eine Betsäule. Wiedererichtet im Jahre 2007.

Wer gern mehr erfahren möchte, findet hier weitere Informationen: www.suehnekreuze.de;

wikipedia – Liste der Bildstöcke und Wegkreuze im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge;
Matthias Schildbach, Die Enthauptete – ein Sächsischer Kriminalfall (2019);
Ulrich Eichler, „Marter und Bildstock-Betsäulen in Sachsen“;

In unserer Mitarbeiterrunde ist die Idee entstanden, Pilger- und Wanderwege zusammen zu stellen mit entsprechenden Wegbeschreibungen und Informationen, aber auch mit Impulsen zur Meditation und zum Weiterdenken. Jana Köbsch und ich würden daraus gern ein Projekt machen in Zusammenarbeit mit den Tourismusbehörden, Heimatvereinen u.a. Wer ist mit dabei? Wir würden das Projekt gern mit anderen auf den Weg bringen. Bitte meldet euch, melden Sie sich bei annette.kalettka@evlks.de oder Jana Köbsch, Tel. 0151-23080459.

Pfarrerin Kalettka

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