Wort an die Gemeinde

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl. Jeremia 29, 7
„Suchet der Stadt Bestes..“, so werden wir im Monatsspruch für Oktober nach der Luther-Übersetzung aufgefordert, „damit es ihr und euch gut geht“. Das klingt nach guten Taten, nach einem höheren Ziel, für das ich Zeit und Kraft opfere. Und das Wohlergehen für alle bringt. Aber in der praktischen Umsetzung stellen wir schnell fest: Ziel und Mittel dieses Engagements sind nicht ganz einfach zu bestimmen. Denn was ist das Beste der Stadt? Und was bin ich bereit dafür einzusetzen?
Der Erhalt der Demokratie in einer Stadt ist sicher eine gute Sache, für das sich Sorge und Mühe lohnen. Freiheitsrechte zu verteidigen und dafür auf die Straße zu gehen, das kann kein Fehler sein. Aber muss nicht auch die Versammlungsfreiheit als legitimes Mittel hinterfragt werden, wenn gewaltbereite Menschen mitlaufen, die die Demonstrationsrechte instrumentalisieren, um ihre eigenen Ziele durchzusetzen, wie jüngst in Berlin geschehen?
Klimafreundliches Verhalten könnte auch ein Beispiel sein, um für das Wohl einer Stadt zu sorgen. So haben wir in Oslo und Stockholm in diesem Jahr in unserem Familienurlaub erlebt, dass gefühlt jeder Zweite auf Elektrorollern auf den Straßen unterwegs war. Aber hat nicht auch dieses scheinbar umweltfreundliche Verhalten seine Schattenseiten, nämlich wenn sich die Fußgänger nicht mehr sicher fühlen, weil sie sogar in der Fußgängerzone links und rechts von diesen Gefährten überholt werden, oder wenn die Pkw-Parkplätze und Maut-Gebühren so teuer sind, dass der Auto fahrende Tourist regelrecht von dem Besuch einer Stadt abgeschreckt wird?
„Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen…“, schreibt der Prophet Jeremia vor ca. 2500 Jahren an die nach Babel „weggeführten“ Eliten Judas nach dem Fall Jerusalems und der Zerstörung des Tempels im Jahre 587 vor Christus. Jeremia hat dabei nicht das Wohl der Stadt des Exils als erstes im Blick, sondern ihm geht es darum, den Eliten Judas deutlich zu machen: ihr werdet euch einstellen müssen auf die neue (Krisen-)Situation, ihr werdet euch zu arrangieren haben mit eurem Exil, denn es wird nicht schnell vorbei sein, wie euch falsche Propheten immer wieder einreden wollen. Aber Jeremia eröffnet auch eine Perspektive der Hoffnung: die Zeit in Babylonien wird keine verlorene Zeit sein. Gott ist die Situation nicht entglitten. Er bleibt der Handelnde: „Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung“ (Jer. 29, 11). Für die Menschen damals im Exil bedeutete das: legt nicht die Hände in den Schoß, das Leben geht weiter. Baut Häuser, legt Gärten an, bekommt Kinder, arbeitet, und sorgt so für Wachstum und Gedeihen der Stadt.
Der bekannte Theologe Dietrich Bonhoeffer interpretiert die Textstelle im Mai 1944 in seinem Taufbrief so: „Es mögen Ereignisse und Verhältnisse eintreten, die über unsere Wünsche und Rechte hinweggehen“ – und er meint an dieser Stelle tatsächlich angestammte Privilegien seines bürgerlichen Umfeldes – „Dann werden wir uns nicht in verbittertem und unfruchtbarem Stolz, sondern in bewußter Beugung unter ein göttliches Gericht und in weitherziger und selbstloser Teilnahme am Ganzen und an den Leiden unserer Mitmenschen als lebensstark erweisen […]“

Was könnte der biblische Appell heute für uns, unsere Kirchgemeinden und die Orte in unserem Kirchspiel bedeuten? Vielleicht ungefähr dies: in der Perspektive der Hoffnung, dass Gott die Situation (z.B. die Corona-Krise und den Klimawandel) in seinen Händen hält und dass er uns eine Zukunft zusagt, ist ein Handeln im Hier und Jetzt möglich. Macht das Beste aus den gegebenen Umständen, bringt euch hier mit euren Kompetenzen ein, sucht selbstbewusst und kreativ neue Formen der Nähe und Teilhabe, lotet die bestehenden Möglichkeiten und Strukturen vor Ort aus und nutzt sie, tut mit, betet mit, denkt mit und orientiert euch in allem an dem Gebot Christi: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Dann wird es uns und unseren „Städten“ wohlergehen. (13.10.2020)

Christine Löwe, Kirchgemeindevertreterin