Wort an die Gemeinde

Seid barmherzig!

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

seit 1930 geben sich die evangelischen Christen (und seit 1969 auch die katholischen) eine Jahreslosung. Es ist ein Vers aus der Bibel, der als eine Art Leitspruch für das Jahr dienen soll. Auch wenn man über den praktischen Effekt einer solchen Losung seine Zweifel haben mag, so verrät sie doch auch immer etwas über den Geist der Zeit, in der man meint, ein bestimmtes Zeichen setzen zu müssen. So erinnere ich mich an die Jahreslosung für 1983, mitten im Rüstungswettlauf: „Selig sind, die Frieden stiften.“ Überkirchliche Aufmerksamkeit hat die Jahreslosung wohl immer dann erregt, wenn sie irgendwie gesellschaftlich relevant erschien.
Für 2021 ist die Jahreslosung eine Aufforderung Jesu: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater (im Himmel) barmherzig ist!“
Auf den ersten Blick erscheint eine größere Aufmerksamkeit eher unwahrscheinlich: außerhalb von Religionsgemeinschaften ist dieses Wort kaum anzutreffen, und die Begründung ist auch nur für einen gläubigen Menschen plausibel: für wen es keinen himmlischen Vater gibt, dem kann es recht gleichgültig sein, ob dieser nun barmherzig sein soll oder nicht.
Und doch möchte ich eine Lanze für die Barmherzigkeit brechen – innerhalb und außerhalb von Kirchenmauern. Sie ist etwas, das wir in unserer Zeit bitter nötig haben.
In der traditionellen christlichen Ethik ist die Barmherzigkeit dem Mitleid verwandt: ich öffne mich für die Not eines anderen, helfe ihm, obwohl ich dazu nicht verpflichtet bin, allein weil mich sein Leid, seine Notlage rührt und zum Handeln drängt. Zu den klassischen „Werken der Barmherzigkeit“ zählt man: die Hungernden zu speisen, den Dürstenden zu trinken zu geben, die Nackten zu kleiden, die Fremden aufzunehmen, die Kranken zu besuchen, die Gefangenen zu besuchen, die Toten zu bestatten. Vieles davon ist für uns zu einer kulturellen Selbstverständlichkeit geworden, auf manches besteht sogar ein Rechtsanspruch bzw. eine gesetzliche Verpflichtung.
Wenn ich heute hingegen über Barmherzigkeit nachdenke und warum ich sie für dringend nötig halte, denke ich noch an etwas anderes, ausgehend davon, dass niemand einen Anspruch auf Barmherzigkeit hat.
Unser Miteinander ist ja in vielen Belangen inzwischen von Ansprüchen geprägt: ich habe Anspruch auf ordentliche Behandlung durch Behörden, auf ärztliche Versorgung, auf fachgerechte Leistungen durch Handwerker, auf Qualitätsware beim Kauf, auf staatliche Unterstützung in Notlagen. Und andere haben demzufolge Ansprüche an mich: dass ich Miete und Schulden bezahle, meine Kinder ernähre und erziehe und ggf. meinem geschiedenen Ehepartner Unterhalt zahle.
Solche Ansprüche sind gerade deswegen geschaffen worden, damit derjenige, dem sie zustehen eben gerade nicht vom Wohlwollen oder eben der Barmherzigkeit eines anderen abhängig ist. Denn bringt der diese nicht auf, geht der Bedürftige leer aus. Wenn man so will, ist der Sozial- und Rechtsstaat ein einziger Ersatz für Mitleid und Barmherzigkeit.
Und das ist erst einmal gut so, denn Mitleid und Barmherzigkeit sind keine verlässlichen Gefühlsregungen. Wer einmal in Ländern war, die solche gesetzlichen Regelungen nicht kennen und stattdessen von Bettlern umschwärmt wurde, weiß das zu schätzen. Aber auf der anderen Seite geht uns damit etwas verloren, denn mich geht es nun nichts mehr an: es ist ja für alle gesorgt, irgendjemand wird sich schon darum kümmern! Das Problem ist meiner Ansicht nach dabei gar nicht, dass vielleicht doch mal jemand durch die Maschen des Sozialen Netzes (also nicht des Internets!) fällt, sondern dass es mich verändert und prägt. Mit mir passiert etwas, wenn Barmherzigkeit keine Rolle mehr spielt, und es ist nichts Gutes, was da passiert.
Wenn mein Umgang mit anderen nur noch von Ansprüchen geprägt ist, die wir aneinander haben und vor allem, wenn ich diese Ansprüche unbarmherzig einfordere, wird der Umgangston rauh, vereisen Beziehungen, geht Vertrauen verloren. Dann tut jeder nur noch das, wozu er verpflichtet ist, will sich nach allen Seiten absichern.
Und ich frage mich: wie sollen Beziehungen und Freundschaften entstehen unter solche Voraussetzungen? Wie soll es die kleinen Gefälligkeiten und Freundlichkeiten geben, die einem den Tag schön machen? Wie sollen „heiße Eisen“ angepackt und die Kuh vom Eis geholt werden, wenn wir im Umgang miteinander nicht auch Barmherzigkeit üben? Gerade auch dann, wenn ich sehr wohl Ansprüche geltend machen könnte?
Und eben darum möchte ich eine Lanze brechen für Barmherzigkeit:
mit dem jungen Mann an der Kasse im Supermarkt, der noch nicht alle Produkte auswendig kennt,
mit dem Handwerker, dem in meiner Wohnung ein kleines Missgeschick passiert ist,
mit dem älteren Autofahrer, der die zulässige Höchstgeschwindigkeit beachtlich unterschreitet,
mit dem Mitbürger, dessen politische Ansichten ich nicht teile,
mit den Politikern, die auch nicht wissen, wie man Corona in den Griff bekommt, aber doch irgend etwas entscheiden müssen.
Derselbe Jesus, der in der Jahreslosung zur Barmherzigkeit mahnt, sagt wenig vorher: Selig (= glücklich zu schätzen) sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erfahren.

Für das neue Jahr wünsche ich Ihnen beides,
Ihr Pfarrer Dr. Martin Beyer