Aktuelle Betrachtungen

Wort an die Gemeinde

Liebe Gemeindeglieder und Interessierte

Am Anfang der Bibel finden sich die zwei Schöpfungserzählungen, die jeweils einen Satz beinhalten, der für den Umgang mit der Schöpfung folgenreich sein sollte. Da ist einmal das „Macht euch die Erde untertan!“, das zunehmend als Freibrief missverstanden wurde, mit der Erde und ihren Ressourcen Raubbau zu treiben. In den letzten Jahren hingegen ist der Satz, wonach Gott den Menschen in den Garten Eden setzte, „dass er ihn bebaute und bewahrte“ wichtig geworden. Nicht zuletzt daraus leiten wir unsere Verantwortung für die Schöpfung ab, die sich zunehmend als verletzlich erwiesen hat. Die Lebensweise vor allem der industrialisierten Welt stellt unsere natürlichen Lebensgrundlagen in Frage.
Daraus erwächst eine Verantwortung nicht nur für die Staaten und ihre Bürger, sondern auch für die Kirchen. Demzufolge hat unsere Landessynode 2018 beschlossen, ein Klimaschutzkonzept zu erarbeiten. Während manche nun „Endlich!“ seufzen werden, seufzen andere „Auch das noch!“ Man kann beide verstehen. Dass die globale Entwicklung des Klimas Anlass zur Sorge gibt und angemessenes Handeln verlangt, bestreiten die wenigsten. Höchst umstritten ist hingegen, worin solches angemessene Handeln bestehen soll. Und schließlich kommt zu dem, was uns als Kirche schon jetzt zu überfordern scheint (z.B. Gemeindegliederschwund, Mitarbeitermangel, Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch), damit noch ein riesiger Batzen dazu.
Geht man es gleichwohl an, so stößt man rasch auf Konfliktlagen und Probleme, die kaum zur allseitigen Zufriedenheit gelöst werden können. Zwei Beispiele sollen das verdeutlichen:
Gemeindeleben ist untrennbar mit gemeinsamer Anwesenheit an einem bestimmten Ort verbunden: zu Gottesdiensten, Gemeindekreisen, Beratungen, Besuchen. In territorial immer größer werdenden Gemeinden ist das mit Wegen verbunden, die zumindest im ländlichen Raum zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln kaum oder gar nicht zu bewältigen sind. Bleibt das Auto, das auch in seiner elektrischen Variante ökologisch fragwürdig ist.
Kirchen (und viele Gemeindehäuser) sind heizungstechnisch eine Katastrophe. Man verpulvert viel Energie, ohne dass es wirklich warm wird. Aber ohne diesen ökologischen Wahnsinn ist es nicht auszuhalten. Moderne Heizsysteme sind gut geeignet für einen kontinuierlichen Wärmebedarf, nicht aber für die gelegentliche und kurzzeitige Nutzung eines oft viel zu großen Raumes. Eine energetische Sanierung unseres viel zu großen Gebäudebestands ist finanziell nicht leistbar. Abriss und Neubau sind erst recht keine Option.
Was für Schlüsse soll man daraus ziehen? Verstärkt oder ausschließlich Online-Veranstaltungen anbieten? Auf weihnachtliche Konzerte in Kirchen verzichten? Erst mal gar nichts tun und hoffen, dass es doch alles nicht so schlimm kommen wird? Darauf verweisen, dass die vordringliche Aufgabe der Kirche die Verkündigung des Wortes Gottes und nicht die Rettung des Klimas sei?
In diesem Zusammenhang habe ich drei Wünsche bzw. Hoffnungen:

  • dass wir nicht in zwei Lager auseinander driften, wo die, denen das Klima das wichtigste oder gar einzige Anliegen ist, denen gegenüber stehen, denen es völlig gleichgültig ist,
  • dass wir nicht der Versuchung erliegen, teure Symbolpolitik zu betreiben, die viel kostet, wenig bewirkt, uns aber das gute Gefühl gibt, etwas getan zu haben,
  • dass wir unsere Kreativität nicht darin verbrauchen, was man alles verbieten könnte oder müsste bzw. wie man diese Verbote umgeht.

Wir werden nicht umhin kommen, nach diesem Konzept zu arbeiten. Über all dem müssen aber die Überlegungen stehen, wie wir unter diesen Bedingungen glaubhaft Kirche Jesu Christi sein können. Zu dieser Glaubwürdigkeit gehört, dass wir unsere Verantwortung für die Schöpfung wahrnehmen, zu erkennen, dass auch „Bebauen und Bewahren“ Eingriffe sind, die das Antlitz der Erde verändern und nicht zuletzt, dass unsere Kräfte und Möglichkeiten begrenzt sind. Bitten wir Gott, dass wir dem gerecht werden können.

Ihr Pfarrer Dr. Martin Beyer

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