Wort an die Gemeinde

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

zu den weniger angenehmen Aufgaben meiner Tätigkeit als Pfarrer gehört die Vorbereitung von Kirchenvorstandswahlen. Sie finden alle 6 Jahre statt und regeln, wer in diesem Zeitraum Verantwortung für die Kirchgemeinde oder die jeweilige Struktureinheit übernimmt. Und zu allen Zeiten ist das eine außerordentlich zähe Angelegenheit gewesen.

Denn zuerst müssen Kandidaten gefunden werden, die bereit sind für einen recht langen Zeitraum die entsprechende Verantwortung zu übernehmen. Die meisten Anfragen ernten Absagen, allenfalls ein wenig aufgehellt mit der vagen Aussicht, vielleicht beim nächsten Mal zur Verfügung zu stehen. Die Gründe sind durchaus einleuchtend, zumal man ein solches Amt nicht so nebenher ausfüllen kann: man muss sich in die Materie einarbeiten, Aufgaben und Zuständigkeiten erlernen, Unterstützung für die eigenen Anliegen organisieren und sich daran gewöhnen, Entscheidungen von einiger Tragweite zu treffen. Das ist gewiss nicht jedermanns Sache; aber eine Gemeinde, die nicht mehr in der Lage ist, diese Aufgaben zu erledigen, kann letztlich nicht bestehen.

Oftmals gelingt es nur, gerade so viele Kandidaten zu gewinnen wie Plätze zu besetzen sind. Die Frage ist dann nicht: wer ist am besten geeignet? sondern: wer steht überhaupt zur Verfügung? Die Wahl ist dann keine Auswahl, sondern die Erteilung des Mandats, für die Kirchgemeinde Entscheidungen zu treffen. Das ist nicht zu unterschätzen. Einen positiven Nebenaspekt hat das gleichwohl: es erspart die Enttäuschung, nicht gewählt worden zu sein. Befriedigend ist es dennoch nicht.

Dann ist da die Wahl selbst. Hier besteht die Zähigkeit darin, dass die Wahlbeteiligung traditionell sehr schlecht ist. Im günstigen Fall kann man die Wahl mit einem besonderen Ereignis kombinieren (etwa Erntedank oder der Einweihung der Kirche), ansonsten kommen so viele Gemeindeglieder zur Wahl wie sonst zu einem normalen Gottesdienst. Das ficht die Gültigkeit der Wahl nicht an; für die Gewählten wäre ein wenig mehr Rückenwind für ihre anspruchsvolle Aufgabe aber gut.

Eine Besonderheit kirchlicher Wahlen ist, dass einige Plätze durch Berufung besetzt werden: die Gewählten können – je nach örtlicher Regelung – weitere Kirchenvorsteher berufen, um sich bestimmte Kompetenzen für die Arbeit zu sichern oder um bestimmten Gruppen (etwa Jugendliche) ebenfalls eine Vertretung zu gewährleisten. Mancherorts werden einfach die berufen, die nicht gewählt wurden. Das ist zwar nicht so gedacht, mitunter aber der einzige Weg, einen arbeitsfähigen Kirchenvorstand zusammen zu bekommen.

Zum Glück hat es dann mit der Zähigkeit ein Ende: der neue Kirchenvorstand wird in sein Amt eingeführt und nimmt seine Arbeit auf. Und ich bin froh und dankbar, dass ich bislang überwiegend eine gute und konstruktive Zusammenarbeit erleben durfte. Und ich bin darum zuversichtlich, dass es auch diesmal so werden wird. Darum schon vorab mein Dank an all die, die sich allen Gegengründen zum Trotz zu einer Kandidatur bereiterklärt haben.

Und wer weiß, vielleicht wird es ja gar nicht so zäh!

Ihr Pfarrer Dr. Martin Beyer