Aktuelle Betrachtungen

Wort an die Gemeinde

Jugendsünden

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

haben Sie Jugendsünden begangen? Um diese Frage bejahen zu können, müssten Sie schon ein gewisses Alter erreicht haben, denn junge Menschen begehen keine Jugendsünden. Sie sind überzeugt, dass das, was sie tun, richtig und wichtig ist. Erst mit dem Abstand einiger Jahre mögen ihnen Zweifel kommen; und so wird manches, was einmal eine Heldentat war, zur Jugendsünde umdeklariert. Aber da sind wir schon mitten im Problem. Denn oft geschieht das nicht freiwillig, vielmehr werden Menschen mit Dingen oder Aussagen konfrontiert, die sie einmal getan oder gemacht haben und die inzwischen als problematisch empfunden werden.

Im Laufe unseres Lebens ändern wir wieder und wieder unsere Ansichten, unsere Meinungen. Dinge, die wir aus voller Überzeugung getan haben, finden wir später nicht mehr so gut oder bereuen sie gar. Handelt es sich dabei um Sachverhalte, die schon lange zurück liegen, in unserer Teenagerzeit oder den Zwanzigern, spricht man dann gern entschuldigend von Jugendsünden.

Dabei haben die Jugendlichen früherer Jahrzehnte allerdings den großen Vorteil, dass ihre Jugendsünden weitgehend vergessen sind und damit folgenlos bleiben: soziale Netzwerke gab es nicht, und zumindest in der DDR sorgten Papiermangel und eine restriktive Veröffentlichungspraxis dafür, dass wenig gedruckt werden konnte, dessen man sich später vielleicht schämen müsste.

Hinzu kommt, dass gerade in dieser Hinsicht das eigene Erinnerungsvermögen nicht besonders verlässlich ist: unangenehme Dinge werden ausgeblendet, uminterpretiert oder schlicht vergessen. Und mancher behauptet allen Ernstes, er sei schon immer der Meinung gewesen, die er jetzt vertritt. Ein Blick in alte Tagebücher birgt da manche Überraschung, und man wundert sich darüber, wie man früher die Dinge gesehen hat. Und umgekehrt mag man sich fragen, wie das frühere, jüngere Ich wohl den Menschen einschätzen und bewerten würde, der wir heute sind.

Aber da hat sich einiges geändert. Eine stark verbesserte Datenlage und vor allem die Unvergesslichkeit des Internets bringen unverändert manches zutage, was wir in früheren Jahren gedacht, gesagt oder geschrieben haben und was uns heute schmerzhaft auf die Füße fällt. Natürlich greift man dann schnell zur Generalentschuldigung „Jugendsünden“, aber das funktioniert nur selten. Denn wir leben in einer Zeit, die nicht nur problemlos auf Früheres zurückgreifen kann, sondern die auch von einer ausgeprägten Böswilligkeit des Missverstehens geprägt ist. Was man dem eigenen Partei- und Gesinnungsgenossen gern als kleinen Fehltritt oder eben Jugendsünde durchgehen lässt, wird beim anderen, etwa beim politischen Gegner, erbarmungslos gebrandmarkt. Da wird absichtsvoll fehlinterpretiert, aus dem Zusammenhang gerissen, was das Zeug hält. Und unter dem Vorwurf des Rassismus, Sexismus, Antisemitismus o.ä. macht es ja heute keiner mehr; auch dann nicht, wenn es viel angemessener wäre, von Dummheit, Unfähigkeit, Unbedachtheit oder Naivität zu sprechen. Und es ist nur ein schwacher Trost, dass auf diese Weise mitunter auch die eigenen Parteifreunde demontiert werden.

Was wäre dagegen zu tun?

Zum ersten wäre ein barmherzigerer Umgang miteinander anzumahnen. Kritikwürdige Aussagen und Handlungen dürfen und sollen kritisiert werden; aber es ist schon fraglich, ob es immer das ganz große Geschütz sein muss, ob wirklich jede Unbedachtheit, Taktlosigkeit oder eben auch Dummheit gleich mit einem Totschlag-Vorwurf wie etwa Diskriminierung bedacht werden muss, ob ich einfach so in der Vergangenheit eines anderen Menschen wildern darf, statt ihn lieber bei seiner Gegenwart zu behaften.

Aber es ist wohl auch ein anderer Umgang mit dem erforderlich, was wir – wenn es denn uns selbst und nicht andere betrifft – so gern als Jugendsünde abtun. Dass diese Dinge eben nicht im Vergessenen bleiben, sondern jederzeit wieder auftauchen können, zwingt uns dazu. Es mag ja sein, dass wir Dinge verdrängen, unsere eigene Vergangenheit schönen oder eben einfach im Laufe der Zeit zu anderen Überzeugungen gelangen (und nicht immer ist es die Weisheit, die uns dazu veranlasst), aber dann müssen wir auch klar und deutlich sagen, welche unserer früheren Ansichten wir noch teilen – und von welchen wir inzwischen abgekommen sind. Nicht immer erfordert das eine Entschuldigung. Man kann zu früheren Ansichten auch dann noch stehen, wenn man sie inzwischen nicht mehr vertritt. Aber wir sollten sie auch nicht wegerklären, verharmlosen oder sonstige Ausflüchte suchen.

Gott räumt Menschen, die ihre Sünde bekennen und bereuen, Vergebung und einen Neuanfang ein. Sollte uns das bei wesentlich geringeren Vergehen nicht auch gelingen?

Ihr Pfarrer Dr. Beyer

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Liebe Gemeindeglieder und Interessierte,

in unserer Umgebung gibt es noch weitere Sühnekreuze, Betsäulen oder Bildstöcke.

In Bärenklause bei Kreischa z.B. erinnert ein Steinkreuz an die verzweifelte Tat einer Mutter namens Rosina Heschel, die ihr Kind getötet hatte und dafür enthauptet (Decollata) wurde. Was wir heute als spannende Kriminalgeschichte lesen, war vielleicht eine ausweglose Situation im Leben einer Frau, die nicht wusste, wie sie ihr Kind großziehen kann. Warum passieren Dinge, die wir eigentlich nicht wollen? Was macht es mit uns, wenn wir nicht genug Geld haben? Oder andere uns mobben, ignorieren, über uns reden? Halte inne – lass deine Traurigkeit, deine Scham, deine Verbitterung und Enttäuschung über das, was dir durch andere geschieht, an diesem Ort!

Unweit davon entdecken wir an einer Mauer in Babisnau ein Relief aus dem 13. Jahrhundert.

In Quohren halte ich inne. Wieder eine Betsäule. Wiedererichtet im Jahre 2007.

Wer gern mehr erfahren möchte, findet hier weitere Informationen: www.suehnekreuze.de;

wikipedia – Liste der Bildstöcke und Wegkreuze im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge;
Matthias Schildbach, Die Enthauptete – ein Sächsischer Kriminalfall (2019);
Ulrich Eichler, „Marter und Bildstock-Betsäulen in Sachsen“;

In unserer Mitarbeiterrunde ist die Idee entstanden, Pilger- und Wanderwege zusammen zu stellen mit entsprechenden Wegbeschreibungen und Informationen, aber auch mit Impulsen zur Meditation und zum Weiterdenken. Jana Köbsch und ich würden daraus gern ein Projekt machen in Zusammenarbeit mit den Tourismusbehörden, Heimatvereinen u.a. Wer ist mit dabei? Wir würden das Projekt gern mit anderen auf den Weg bringen. Bitte meldet euch, melden Sie sich bei annette.kalettka@evlks.de oder Jana Köbsch, Tel. 0151-23080459.

Pfarrerin Kalettka

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