Aktuelle Betrachtungen

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

stellen Sie sich vor: Sie feiern mit guten Freunden ein Fest. Herzensfreunde, Sie haben viel miteinander erlebt. Sind durch dick und dünn gegangen, haben miteinander diskutiert, geträumt, für eine Sache gekämpft. Auf einmal, mitten in der Nacht, wird einer von ihnen verhaftet. Wird einfach weggebracht, Sie können nichts tun. Am nächsten Morgen hören Sie: Man hat ihn zum Tod verurteilt. Alles geht sehr schnell von einem fairen Prozess kann keine Rede sein, das Urteil wird vollstreckt, der Leichnam in ein Grab gelegt. Sie können nicht fassen, was geschehen ist. Die ganze Nacht liegen Sie wach. Vor Sonnenaufgang brechen Sie schließlich auf, um Ihren toten Freund wenigstens ein letztes Mal zu sehen. Abschied zu nehmen. Aber Sie finden das Grab leer. Eine leuchtende Gestalt steht davor. Sie sagt Ihnen, dass Ihr Freund keinesfalls hier, sondern auferstanden ist. Eine unglaubliche Geschichte? So erzählt die Bibel von Jesu Tod und Auferstehung. Nachzulesen ist sie bei Matthäus Kapitel 26, bei Markus, Kapitel 14, bei Lukas Kapitel 22 und bei Johannes Kapitel 18.

Reicht unsere Vorstellungskraft aus, dies zu glauben? Ist es besser, die Hintergründe zu beleuchten oder sogar zu versuchen, diese Geschichte für unsere Zeit auszulegen?

Auf jeden Fall können wir heute feststellen, die Gründungsurkunde des Christentums ist eine aussichtslose Situation: Am Karfreitag trafen sich Menschen, die ihre Zukunft abgeschrieben hatten. Wenn wir uns die Geschichte der ersten Christen bewusst machen, dann können wir verwundert feststellen, hoffnungslose Menschen begannen an eine neue Zukunft zu glauben und in ihr Leben zu investieren. Ihr Tun ist geprägt von unendlicher Kraft, Energie und Beharrlichkeit. Sie spurteten über den ganzen Erdball und erzählten die Botschaft von der Zukunft Gottes hinter dem Horizont.

Und heute, was prägt uns heute? Der Glaube ist es wohl nicht, denn die Mitglieder der Kirche in unserer Region schwinden. Leidet unsere Gesellschaft an spiritueller Austrocknung und fühlen wir uns deshalb ärmer als wir sind?

Mahatma Gandhi (1869 – 1945) hat eine Diagnose für eine Gesellschaft, wie die unsere gestellt: Politik ohne Prinzip, Wohlstand ohne Arbeit, Handel ohne Moral, Vergnügen ohne Gewissen, Erziehung ohne Charakter, Wissenschaft ohne Menschlichkeit, Religion ohne Opfer. Als ich seine Diagnose las, ging sie mir sehr nahe. Gerade was wir jetzt erleben, bestätigt vieles, was Gandhi einst sagte. Resignation könnte sich ausbreiten, denn Mut, Vertrauen und Zuversicht in die Herzen zu pflanzen ist nicht leicht. In manchen Situationen des Lebens kann sich Resignation ausbreiten, dann sind Ängste und Sorgen nicht klein zu reden. Schmerzhafte Erfahrungen kann man nicht weg reden oder schönreden, sie bleiben schmerzhaft.  Aber wo soll die Hoffnung herkommen, wenn nicht durch den Glauben an die bessere Zukunft. Was würde es für ein Leben sein, wenn es keine Zukunft verspricht und keine Träume mehr geträumt werden?

Die Anfangsgeschichte der Christenheit erzählt von Menschen, die traurig sind und resignieren, um dann mit Beharrlichkeit und Energie zusammenzustehen und sozial miteinander umzugehen. Die Gruppe der Christen wird nicht kleiner über die Jahrhunderte, sondern wächst und immer mehr wollen ihr angehören. Einige von Ihnen werden vielleicht einwerfen: mussten ihr angehören…, aber nicht der christliche Glaube war daran schuld, sondern die Interessen der Mächtigen. Heute kann es das Interesse jedes einzelnen sein, zu glauben. Und wer in die eigene Zukunft investieren möchte, der sollte dabei nicht vergessen in Gemeinschaft zu investieren. Gerade in dieser verrückten Zeit sehnen wir uns danach, wieder in Gemeinschaft zu sein. Sie macht glücklicher und wir wissen jetzt darum, dass Kultur und Begegnung mehr bringen als sie kosten. Religion, die Begegnung und Kultur bedeuten, kann eine sprudelnde Quelle für Optimismus sein.

Das Osterfest ist ihr christlicher Ursprung. In ihr liegt eine Powerbotschaft, die auch Dietrich Bonhoeffer (1906 – 1945) aufgenommen hat: Optimismus ist in seinem Wesen keine Ansicht über die gegenwärtige Situation, sondern er ist eine Lebenskraft, eine Kraft der Hoffnung, wo andere resignieren. Eine Kraft, den Kopf hochzuhalten, wenn alles fehlzuschlagen scheint, eine Kraft, Rückschläge zu ertragen, eine Kraft, welche die Zukunft niemals dem Gegner überlässt, sondern sie für sich in Anspruch nimmt. Mag sein, dass der Jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, vorher aber nicht.“ (17.03.2021)

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Osterfest.

Gemeindepädagogin Kerstin Wrana


Monatsimpuls April 2021

Gedanken zur Passions- und Osterzeit – INNEHALTEN – Zeichen auf unseren Wegen

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

in dieser Kirchenjahreszeit steht das Kreuz im Mittelpunkt. Kreuze finden sich nicht nur in unseren Kirchen oder als Anhänger einer Halskette. Wir entdecken sie auch in der Öffentlichkeit. Beim Streifen durch die Wälder und über die Felder unserer Umgebung halte ich inne und betrachte diese kleinen, einen halben Meter hohen, rund-gestalteten Sühnekreuze. Unleserliche Schrift gibt mir eine Spur, was es mit diesem Kreuz auf sich haben könnte. Ich werde im Internet fündig. Konflikte zwischen verfeindeten Parteien wurden durchkreuzt. Das Hin und Her von Mord und Totschlag sollte ein Ende haben. Dafür wurden im Mittelalter (13.-16.Jh.) Steinkreuze öffentlich aufgestellt als Zeichen von Reue und Sühne, Eingestehen von Schuld und dem Willen zur Umkehr. Ich suche nach öffentlichen Zeichen kollektiver Schuld und dem Willen zur Veränderung in unserer Zeit und Welt. Sind es die weit sichtbaren Plakate von Hilfsorganisationen an Bushaltestellen?

Gedenkkreuz, Pestkreuz, Friedenskreuz, Unfallkreuz … Da! Eines dieser Kreuze am Straßenrand. Frische Blumen, eine Inschrift, manchmal ein Foto, auch eine Kerze erzählen mir von einem tragischen Unfall. Unwillkürlich gehe ich auf die Bremse, entschleunige meine Fahrt und seufze. Halte inne – das Leben kann in wenigen Augenblicken vorbei sein!

Zwischen Oelsa und Seifersdorf entdecke ich auf dem Feld eine Betsäule. Ein Ort zum Händefalten. Auf Pilgerwegen sind sie anzutreffen und hier vielleicht auf dem ehemaligen Kirchweg zwischen Oelsa und Seifersdorf. Seifersdorf war über viele Jahrhunderte das kirchliche Zentrum für die umliegenden Dörfer. Die Betsäule zeigt eine Frau mit einem Kind auf dem Arm – Maria mit dem Jesuskind? Ähnlich wie in Österreich, Bayern oder Polen die Marienaltäre und Kruzifixe? Ich denke an Weihnachten, an Jesu Geburt.

In Dippoldiswalde führt mich eine Betsäule zu Gründonnerstag. Jesus wäscht den Jüngern die Füße. Im Johannes Evangelium lesen wir darüber im 13. Kapitel. Er übernimmt die Arbeit eines Angestellten. – Auf der Straße klappern Tonnen. Es riecht unangenehm. Der Mann von der Müllabfuhr läuft von einer Seite zur anderen. Müllentsorgung – wer sorgt dafür, dass es in und um uns rein und sauber ist?

Karfreitag: Die Betsäule in Paulsdorf zeigt, wie Jesus sein Kreuz trägt und durch die Kreuzigung getötet wird. Er ist nicht allein. Maria, seine Mutter, und Johannes, einer seiner engsten Freunde, bleiben bei ihm. Auch wenn sie ihm diesen grausamen Tod nicht abnehmen können, sie halten es aus. Sie sind da. – Was halte ich aus? Bin ich bereit, anderen ihre Last abzunehmen? Bin ich da, wenn alle anderen längst gegangen sind?

Jesus durchkreuzt unser Leben und unseren Glauben immer wieder. In diesen Wochen vertiefen wir uns in die biblischen Texte, die darüber berichten. Die biblischen Nachrichten führen zu einem leeren Kreuz. Nichts und niemand soll hingerichtet werden. Das leere Kreuz will aufrichten. Es betont die Auferstehung Jesu. Jesus ist aufgestanden gegen jeglichen Tod. So wird ein leeres Kreuz zu einem Zeichen von Überwindung, von Verwandlung. Vom Tod zum Leben. Von Gewalt zur Liebe. Zu Ostern blühen an vielen Kreuzen Blumen, grüne Zweige deuten auf hoffnungsvolle Zeiten. Wie sieht Ihr Auferstehungskreuz aus? Was würde euer Oster-Kreuz zeigen?

Gesegnete Zeiten der Stille für die verbleibenden Passionswochen und eine fröhliche und rundum gesegnete Osterzeit wünscht im Namen aller Mitarbeiterinnen, Mitarbeiter und des Kirchenvorstandes

Pfarrerin Annette Kalettka

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Spazierengehen, Wandern, Pilgern, betend unterwegs sein …

Liebe Gemeindeglieder und Interessierte,
in unserer Umgebung gibt es noch weitere Sühnekreuze, Betsäulen oder Bildstöcke.
In Bärenklause bei Kreischa z.B. erinnert ein Steinkreuz an die verzweifelte Tat einer Mutter namens Rosina Heschel, die ihr Kind getötet hatte und dafür enthauptet (Decollata) wurde. Was wir heute als spannende Kriminalgeschichte lesen, war vielleicht eine ausweglose Situation im Leben einer Frau, die nicht wusste, wie sie ihr Kind großziehen kann. Warum passieren Dinge, die wir eigentlich nicht wollen? Was macht es mit uns, wenn wir nicht genug Geld haben? Oder andere uns mobben, ignorieren, über uns reden? Halte inne – lass deine Traurigkeit, deine Scham, deine Verbitterung und Enttäuschung über das, was dir durch andere geschieht, an diesem Ort!
Unweit davon entdecken wir an einer Mauer in Babisnau ein Relief aus dem 13. Jahrhundert.
In Quohren halte ich inne. Wieder eine Betsäule. Wiedererichtet im Jahre 2007.
Wer gern mehr erfahren möchte, findet hier weitere Informationen: www.suehnekreuze.de; wikipedia – Liste der Bildstöcke und Wegkreuze im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge;
Matthias Schildbach, Die Enthauptete – ein Sächsischer Kriminalfall (2019);
Ulrich Eichler, „Marter und Bildstock-Betsäulen in Sachsen“;
In unserer Mitarbeiterrunde ist die Idee entstanden, Pilger- und Wanderwege zusammen zu stellen mit entsprechenden Wegbeschreibungen und Informationen, aber auch mit Impulsen zur Meditation und zum Weiterdenken. Jana Köbsch und ich würden daraus gern ein Projekt machen in Zusammenarbeit mit den Tourismusbehörden, Heimatvereinen u.a. Wer ist mit dabei? Wir würden das Projekt gern mit anderen auf den Weg bringen. Bitte meldet euch, melden Sie sich bei annette.kalettka@evlks.de oder Jana Köbsch, Tel. 0151-23080459.

Pfarrerin Kalettka

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