Das Possendorfer Geläut

(zusammengestellt von Peter Behrendt)

Aus Anlass der 60-jährigen Weihe der Possendorfer Stahlglocken im Jahr 2015, haben wir uns der Aufgabe gestellt, die Geschichte des Geläutes für Sie aufzuarbeiten.

Die Vermutung liegt nahe, dass schon 1521, beim ersten Bauabschnitt des Kirchturmes, eine Glocke in Possendorfer vorhanden war. Aus dem Jahr 1580 stammt bereits der Hinweis auf ein Dreiergeläut.

Alle drei Glocken hängen an gekröpften Jochen, die große Glocke an einem gusseisernen Joch, die mittlere und kleine Glocke an stählernen Jochen. Dadurch hängen sie höher und haben einen geringeren Schwungradius.

Über die Jahrhunderte gab es immer viele Änderungen an den Glocken. Nachfolgend haben wir diese für Sie aufgelistet.

 

1584 Guss der großen Glocke in Freiberg durch Wolff II. Hilliger

Inschrift in Majuskeln: „NACH MEINEM KLANG RICHT DEINEN GANG, ZUR KIRCH DES HERRN UND SEUM NICHT LANG. WOLFF HILGER ZU FREIBERGK GOS MICH 1584.“

1663 Kauf einer neuen Glocke
1699 Der Kirchturm erhält seinen barocken Turmaufsatz. Aus diesem Anlass wurden zwei neue Glocken gegossen, die neue große Glocke und die kleine Glocke. Sie wurden von Michael Weinhold aus Dresden hergestellt. Die bisherige große Glocke wurde dadurch zur mittleren Glocke.

Inschrift kleine Glocke: „Christoph Röhlicke, Schulmeister, George Schumann, Johann Grahle, Johann Adam, Kirchväter“

Die Inschrift der neuen großen Glocke in ihrer ersten gegossenen Form ist nicht bekannt.

1764 Die große Glocke erleidet einen Riss und wird in Dresden von Johann Gottfried Weinhold umgegossen.

Inschrift: „Gott zu Ehren bin ich im Jahre Anno Christi 1699 durch Vermittlung Herrn Johann Lämmels auf Kleincarsdorf ,Königl: Pohlnisch: Churfürstl: Sächs: Geheimen Kriegsrathes gegossen in Dresden von Michael Weinhold und Anno 1764 nach einem erhaltenen Riss unter der Minderjährigkeit des Durchlauchtigsten Churfürsten zu Sachsen, Herrn Friedrichs Augusti des III. Auch Hochlöblichen Vormundschaft und Landesadministration Sr: Hoheit des Königl: Prinzen in Pohlen und Littauen auch Herzogs zu Sachsen, Herrn Xaverii und auf Veranstaltung des hiesigen Kirchen Collatoris und Churfürstl: Sächs: Rittmeisters Herrn Carl Johann Friedrich von Staupitz auf Possendorf, als zu der Zeit Herr Johann Gottfried Dalichovius, Pfarrer allhier gewesen, umgegossen und restaurirt in Dresden von Johann Gottfried Weinhold.“

1807 Die große Glocke erleidet erneut einen Riss, wird aber unverändert weiter geläutet.
1825 Die große Glocke erleidet erneut einen Riss, wird aber wiederum unverändert geläutet.
1826 Während des Osterläutens bricht ein Stück aus dem Glockenmantel heraus. Die Glocke wird vollends unbrauchbar und muss bis 1828 schweigen.
1828 Neuguss der großen Glocke durch Gussinspektor Sigismund Schröttel in Dresden an der Königlich-Sächsischen Stückgießerei. In der ganzen Kirchgemeinde werden Gelder für den Glockenguss gesammelt.

Inschriften: „Gegossen von Sigismund Schröttel, Inspektor der Königlich-Sächsischen Stückgießerei in Dresden 1828.“ am Glockenhals, „Dr. Karl Christian Seltenreich, Superintendent, Ottomar Fiedler, Gerichtsdirektor z. Zeit Kircheninspektor, Friedrich Lebrecht Lehmann z. Zeit Pastor .“ auf der Morgenseite, „Diese Glocke wurde aus wahrer Religiosität und durch freiwillige Gaben der sämtlichen Kirchengemeinde zu Possendorf im Jahre 1828 gegossen und neu hergestellt. Ernst von Otto, Collator“ auf der Abendseite.

1855 Neuguss der kleinen Glocke an der Königlich-Sächsischen Stückgießerei in Dresden.

Inschriften: „Lasset die Kindlein zu mir kommen.“, Markusevangelium Kapitel 10, Vers 14, „Rufe die Arbeiter und gib ihnen den Lohn.“, Matthäusevangelium Kapitel 20 Vers 8, „Rufe zur Andacht, verkünde nicht Unheil“. Der letzte Spruch war ein Vorschlag des Possendorfer Rittergutsbesitzers Ernst von Ottos.

1882 Die Glocke Wolff II. Hilligers wird bei der Vorstellung der Possendorfer Kirche in den „Baudenkmälern des Königreiches Sachsen“ erwähnt. Auf ihr soll sich eine der schönsten Ausführungen des Hilliger’schen Wappens befunden haben.
1885 Austausch der mittleren und der kleinen Glocke gegen neue Glocken der Glockengießerei Bierling aus Dresden. Die 300 Jahre alte Glocke von Wolff II. Hilliger wird abgegeben. Der Glockenstuhl wird aus Stahl gefertigt.
1912 Die Glocken erhalten Kugellager, seitdem genügt ein Mann zum Läuten der Glocken.
1917 Die mittlere und die kleine Glocke werden für die Kriegsrüstung abgegeben und von Pionieren auf dem Kirchturm zerschlagen.
1919 Die Kirchgemeinde beschafft sich neue Bronzeglocken aus der Gießerei Bierling. Die kleine Glocke wird von Gertrud von Wulffen, Rittergutsbesitzerin Kleincarsdorfs gestiftet.

Inschrift kleine Glocke: „Gestiftet von Gertrud von Wulffen, Kleincarsdorf“, „Friede sei dein erst Geläute“

Inschrift mittlere Glocke: „Bete und arbeite.“

1935 Auf dem Gemeindeamt wird eine Alarmsirene für den Luftschutz und die Alarmierung der Feuerwehr montiert. Die Glocken verlieren ihre Funktion zur Alarmierung der Feuerwehr.
1940 Wie überall in Deutschland wurden auch die Possendorfer Glocken für die „Reichsmetallreserve“ auf Befehl Hermann Görings erfasst. Laut Formular sollte angegeben werden, ob sich auf dem Rittergut, der Schule und dem Rathaus ebenfalls Glocken befinden. Die Kirchgemeinde lässt die entsprechenden Zeilen frei.
1941 Die Abnahme der Glocken rückt näher, wenn möglich soll eine Tonaufnahme des Geläuts erfolgen. Dies scheint nicht erfolgt zu sein.
1942 Am 16. Januar Abnahme der kleinen und mittleren Glocke vom Turm durch eine Kreischaer Baufirma.

Es entstehen Fotos von diesem Tag. Eine Schulklasse beobachtet die Glockenabnahme. Es soll eine Opferfeier für die Glocken in der Kirche stattgefunden haben.

1952 Die Kirchgemeinde versucht den Verbleib ihrer Glocken zu klären und wenn möglich, diese zurückzubekommen. Die Glockenrückführung ist zu diesem Zeitpunkt schon lange abgeschlossen. Bis heute ist nicht geklärt, ob die abgegebenen Glocken wirklich eingeschmolzen wurden oder heute auf einem anderen Kirchturm ihren Dienst tun.

Die Kirchgemeinde leiht sich eine Glocke der Kirchgemeinde Seifersdorf und sichert sich das Vorkaufsrecht.

1954 Die Kirchgemeinde möchte eine zum Verkauf ausgeschriebene Glocke der Bethanien-Kirchgemeinde Leipzig erwerben. Den Zuschlag erhält eine andere Gemeinde. Der Versuch durch den Erwerb der Seifersdorfer Glocke und der Glocke aus Leipzig wieder ein vollständiges Geläut zu erhalten, scheitert. Die Seifersdorfer Glocke wird nach Schmiedeberg verkauft.
1955 Neuguss der kleinen und mittleren Glocke in Apolda in Form von Eisenhartgussglocken, der Volksmund spricht von Stahlglocken.

Die Weihe erfolgt am 3. Advent 1955 durch Pfarrer Max Martin Rasch. Die Glockenzier ist schlicht und besteht nur aus einem Kreuz, der Jahreszahl des Glockengusses, einem Bibelvers und dem Zeichen der Gießerei.

Inschrift der kleinen Glocke: „Friede sei mit euch.“

Inschrift der mittleren Glocke: „Wachet und betet.“

1971 Der letzte Possendorfer Glöckner, Alfred Schneider, der „Laute-Schneider“ stirbt. Das Geläut wird daraufhin elektrifiziert.
2015 Die Kirchgemeinde feiert am 3. Advent die 60-jährige Glockenweihe der Stahlglocken.

Heute können unsere Glocken auch über Funk angesteuert werden, was vor allem bei Beerdigungen genutzt wird.

Der Zeitschlag der Glocken alle 15 Minuten und zu den vollen Stunden wird vom Schlagwerk ausgeführt. Dieses ist mit dem Uhrwerk verbunden.

Eine Besonderheit ist das Mittagsläuten um 11.30 Uhr und nicht um 12.00 Uhr. Dies geht auf das Jahr 1630 zurück. Damals kam ein feindliches Heer auch durch Possendorf gezogen. Ob es die Schweden oder ein anderes Heer war, ist nicht bekannt. Die Einwohner versteckten sich mit ihrem Vieh in den nahegelegenen Wäldern. Einige Männer beobachteten vom Waldrand aus den Abzug der Soldaten, eilten zur Kirche und verkündeten den Einwohnern den Abzug des Feindes. Der Sage nach, soll dies um 11.30 Uhr gewesen sein. Seitdem läuten die Possendorfer Glocken 11.30 Uhr.

 

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